Nationalratswahl 2017

03.10.17

Stellten sich den Fragen der Caritas-Bereichsleiter/-innen: Selma Yildirim (SPÖ Tirol), Liesi Pfurtscheller (Tiroler Volkspartei), Berivan Aslan (Die Tiroler Grünen), Dominik Oberhofer (NEOS Tirol) und Gerald Hauser (FPÖ Tirol - die Tiroler Freiheitlichen).

 

Die Caritas Tirol lud am vergangenen Montag zum Hearing der Tiroler Kandidat/-innen der im Nationalrat vertretenen Parteien. Als anerkannte Sozial-, Gesundheits- und Bildungsinstitution und im regen Austausch mit der Politik und Gesellschaft interessierten uns an diesem Abend folgende drei Schwerpunkte:

  • Weiterentwicklung des Sozial/Solidarstaates
  • Bildung
  • Pflege und Betreuung

Weiterentwicklung des Sozial-/Solidarstaates

Im letzten Jahr und vor allem auch in den vergangenen Monaten vor der Nationalratswahl war der Diskurs über den Sozialstaat von Angriffen und gegenseitigen Forderungen bestimmt.

Von Seiten mancher politischer Parteien wurden Kürzungen und Sanktionierungen der Sozialleistungen eingefordert bzw. propagiert und verschiedene Gruppen von Menschen, wie Arbeitende – Arbeitslose, Einheimische – Flüchtlinge in ein Konkurrenzverhältnis zueinander gestellt.

Von Seiten renommierter Hilfsorganisationen, hier ist die Caritas nicht ausgenommen, kam es zu Forderungslisten an die politischen Entscheidungsträger, um das Niveau des Sozialstaates zu erhalten.

Dieses Procedere hat unserer Meinung nach zu einer Spirale von gegenseitigen Beanspruchungen geführt, die niemanden etwas gebracht hat. Auch Angst und gegenseitige Abneigung in der Bevölkerung wurden so geschürt.

Um aus diesem Dilemma herauszukommen, vertreten wir folgende Position: Forderungen bringen uns nicht weiter. Es muss lediglich gesichert sein, dass die Errungenschaften unseres Sozialstaates aufrechterhalten bleiben und ein Missbrauch der Sozialleistungen unterbunden wird.

Wesentlich fürs Wohl aller Menschen, die in Österreich leben, erscheint uns hier vielmehr der Aufbau einer Solidaritätsbewegung. Es geht darum einen Zusammenhalt unter den Menschen zu begründen, der Angst, Neid und Abneigung überflüssig macht und in dem gegenseitige Hilfe und Rücksichtnahme eine Selbstverständlichkeit sind. Es geht darum zu vereinen, nicht zu spalten. Daher unsere Frage an die einzelnen Vertreter der politischen Parteien:

Wie gedenkt Ihre Partei unter den Menschen Brücken zu bauen, um eine Solidarstaat zu Stande zu bringen, der durch Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und eine angstfreie Gesellschaft gekennzeichnet ist?

 

Bildung
Bildung ist der Schlüssel zur Armutsbekämpfung und existentiell für die Schaffung von Gerechtigkeit, den Aufbau und Erhalt einer humanen und solidarischen Gesellschaft und Weltgemeinschaft. Wesentliche Bildungserfahrungen in den ersten drei Lebensjahren prägen die jungen Menschen. Hier findet die Besiedelung der solidarischen Kompetenz der Menschen statt, um mit Gerald Hüther zu sprechen. 

Auch wenn Veränderungen im österreichischen Bildungssystem sehr langsam vorangehen, nehmen wir wahr, dass das Thema Bildung permanent auf der politischen Agenda steht, auch im Wahlkampf immer wieder aufs Tapet kommt und insgesamt einen hohen Stellenwert im Staat hat. 

Die Zukunft der Bildung ist einer der entscheidenden Herausforderungen einer modernen Gesellschaft. Ein ganzheitliches, nicht allein an intellektueller Leistung oder wirtschaftlicher Verwertbarkeit orientiertes Verständnis von Bildung ist gefragt.

Je rascher die gesellschaftlichen Veränderungen, desto wichtiger wird Bildung als Hilfe zur Orientierung und Sinnfindung. 

Öffentlich geförderte Bildung hat Bindung zu schaffen und den sozialen Zusammenhalt zu fördern – Bildung kann Brücken bauen.

Brücken zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, zwischen Kulturen und Religionen. Praktische, kurz- und mittelfristig anwendbare Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sind wichtig - sie bedürfen aber der Einbettung in Grundhaltungen emotionaler, kognitiver und ethischer Art.

Was glauben Sie, sind die zentralsten Werte, die Bildung und Bildungsformate vermitteln sollen und wie - unter welchen Rahmenbedingungen?

 

Pflege und Betreuung
Pflege bedeutet Fürsorge und Sorge von Menschen, die Hilfe benötigen.

Der gesellschaftliche Wandel zur Klein- und Kleinstfamilie bis hin zu Single-Haushalten veränderte die Möglichkeit und Tragfähigkeit des sozialen Netzwerks. Unsere Gesellschaft ist auf Erfolg, Funktionalität und Leistung ausgerichtet.

Trotzdem werden von den mehr als 540.000 lebenden Menschen mit Pflegebedarf in Österreich 80 Prozent im familiären Umfeld betreut. Jede 4. Familie ist betroffen - Betreuung und Begleitung alter, behinderter, physisch und psychisch kranker Angehöriger in allen Altersgruppen - alles ohne soziale Absicherung und gediegener Begleitung. Zu einem Großteil wird diese oft schwierige Aufgabe von Frauen geleistet und nur die Pflege im Familienkreis ermöglicht umfassende Betreuung aller Pflegebedürftigen.

Erschwert wird dies durch das Fehlen alternativer, teilstationärer Angebote und dem Ausbau der mobilen Dienste.

Auch der Dienst der 24 Stunden Betreuungen kann nur eine kurzfristige Lösung sein, zudem diese ungerecht und ausbeuterisch sind und in den Herkunftsländern verheerende Folgewirkungen zeigen.

Mit der Abschaffung des Vermögensregresses ab 1.1. 2018 wird der Bedarf an stationären Einrichtungen rasant steigen. Der besorgniserregende Mangel an Fachkräften und das allgemeine „Ermüden“ der Empathie weisen auf fehlende Antworten und Entwicklungen hin.

Pflegende Angehörige und professionell Pflegende sowie freiwillige Helfer sind der Seismograph unserer Gesellschaft. Sie können Werteträger von Solidarität, Achtsamkeit und Nächstenliebe für uns alle sein.

Neben der Beratung, alternativer Entlastungsangebote und emotionaler Begleitung für die Betreuung zu Hause benötigt es wohl auch eine „Herzensbildung“ in der Wissensvermittlung in pflegerischen Ausbildungen.

Wir benötigen wohl eine Pflegewissenschaft, vielmehr aber eine neue Form der Fürsorgewissenschaft.

Pflegebedürftigkeit stellt ein gesamtgesellschaftliches Risiko dar. Jeder und jede kann und wird davon betroffen sein, in Mit-LEIDENSCHAFT gezogen werden.

Daher unsere Frage an die einzelnen Vertreter der politischen Parteien:

Wie wollen Sie versuchen, LEIDENSCHAFT für das Thema Pflege und die Verantwortung aller, generationsübergreifend zu wecken? 

Damit eine gerechte, fachlich qualifizierte und liebevolle Betreuung für alle Menschen gewährleistet werden kann, eingebettet in eine helfende Gemeinschaft, die selbst etwas Tragendes sein kann.

 

 

Hearing zur Nationalratswahl 2017

Die Tiroler Kandidat/-innen

Zum Nachschauen!