Zwischen den Welten

14.02.18

Die Zillertalerin Elisabeth Haun ist Projektreferentin in Armenien und besucht regelmäßig das Land (Foto: Caritas).  

 

Caritas: Wie gehen Sie damit um, so viel Leid zu sehen und nichts dagegen tun zu können?

Haun: Wenn ich in Armenien bin, sehe ich in erster Linie Menschen, die mich beeindrucken. Vor einiger Zeit war ich beispielsweise bei einer alten Frau, Narine, die in einem Containerhaus lebt. Das hätte nach dem Erdbeben 1988, also vor 30 Jahren, nur eine Übergangslösung sein sollen. Inzwischen lebt sie seit der Naturkatastrophe dort und gehört zu jenen älteren Menschen, die von einer Mindestpension von 40 Euro leben müssen. Wie das geht, weiß ich selbst nicht. Es gibt Unterstützungen von der Caritas Armenien in Form von Lebensmitteln und einem Heizkostenzuschuss, aber trotzdem ist das immer noch sehr wenig, um zu überleben. Sie hat sich sehr gefreut, als wir sie besucht haben und mir eine kleine Süßigkeit angeboten, die ich nicht annehmen wollte. Gut, dass meine Kolleginnen von der Caritas Armenien dabei waren und mir zu verstehen gaben, dass das nicht möglich ist. Es wäre eine Schande, ihre Gastfreundschaft nicht anzunehmen, denn Gastfreundschaft und Teilen steht in Armenien an allerhöchster Stelle. Egal, wie arm man ist. Dieses Zuckerl habe ich heute noch, es liegt bei mir am Schreibtisch - darauf steht in kyrillischen Buchstaben „skazka“, das heißt Märchen. Ich denke manchmal an Narine und weiß, dass es Sinn macht, sich für Armenien einzusetzen. Da der Staat nur begrenzt in der Lage ist, sich um die vielfältigen Probleme des Landes zu kümmern, ist es umso wichtiger, dass es noch andere Unterstützungswege gibt. Dank der Spenderinnen und Spender aus Tirol und dank der guten Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Caritas Armenien habe ich das Gefühl, gemeinsam etwas bewirken zu können, denn „Wir ist größer als Ich“.  

 

Hat Armenien Ihr Leben bzw. Ihre Sicht auf das Leben verändert?

Meine Arbeit in Armenien hat für mich persönlich sehr viel geändert. Die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft der Menschen geben mir sehr viel Energie und sind eine persönliche Bereicherung für mich. Meine Kolleginnen und Kollegen der Caritas Armenien beeindrucken mich jeden Tag mit einer Kombination aus sehr professioneller Arbeit und großer Herzlichkeit im Umgang miteinander. Und noch etwas hat sich verändert: früher war ich manchmal ungeduldig beim Arzt, wenn ich länger warten musste. Inzwischen denke ich an die medizinische Versorgung in Armenien und weiß, welches Privileg wir hier haben. Oder Staus aufgrund von Baustellen - diese regen mich nur noch sehr selten auf. Denn dann denke ich an die Straßen in Armenien und freue mich darüber, dass bei uns die Straßen repariert werden.

 

Welche künftigen Herausforderungen kommen in der Arbeit als Armenienreferentin auf Sie zu?

Gemeinsam mit der Caritas Armenien entwickeln wir derzeit gerade ein Konzept für Kinderwohngemeinschaften, damit Kinder ohne Eltern nicht in großen Heimen, die noch aus Sowjetzeiten stammen, leben müssen, sondern in einem familienähnlichen Umfeld aufwachsen können. Dank eines Großspenders können wir auf Wunsch der Caritas Armenien in diesen Bereich einsteigen. Die Herausforderung aber wird sein, finanzielle Mittel zu bekommen, um mittelfristig mehrere solcher Wohngemeinschaften einrichten und finanzieren zu können. 

 

Eine weitere Herausforderung der nächsten Jahre ist die Fortführung der Integration von Kindern mit Behinderungen in Schulen. In Armenien sollen alle Schulen bis 2025 inklusiv sein. Aber was genau braucht es dazu? Wie muss sich die Gesellschaft ändern, damit dies gelingen kann? Aktuell setzen wir ein EU-finanziertes Projekt dazu um, in dessen Rahmen zwölf Schulen in Armenien den Index für Inklusion zur Schulentwicklung verwenden. Es ist ein wichtiger Grundstein gelegt, aber es braucht weiterhin viel Unterstützung und Veränderung, damit Inklusion gelingen kann. Auch hier geht es neben den inhaltlichen Herausforderungen auch darum, finanzielle Mittel für eine Weiterführung des Projektes nach Ablauf der EU-Finanzierung zu finden. 

 

Die Caritas Tirol unterstützt in Armenien insbesondere Projekte für Kinder und Jugendliche. Dabei geht es neben der Sicherung der Grundbedürfnisse vor allem um Bildung. Im Jahr 2017 wurden in Armenien dank der Spenden aus Tirol und Finanzierungen durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit sowie der EU rund 350.000 € umgesetzt. Im Februar wird bei der Sammlung "Zukunft für Kinder" der Blick auf die Not von Menschen in Osteuropa gelenkt.