Eine zweite Chance

09.06.20

Carmen Nagele leitet das Arbeitsprojekt für Menschen mit Suchterkrankung (Foto: Caritas Tirol).

 

„Das Abra gibt uns Struktur, Regelmäßigkeit und wir kehren von alten Verhaltensmustern ab. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und gebraucht zu werden, wird uns vermittelt. Früher war egal, was wir den ganzen Tag machen, hier verlassen sich die Leute auf uns“, sagen Birgit und Gül bei unserem Besuch des Arbeitsprojektes. Die beiden Freundinnen weben gerade einen Auftrags-Teppich nach Maß auf einem der größten Handwebstühle Tirols.

Neben der Näherei werden im Versand unter anderem Postfertigungsarbeiten wie kuvertieren, etikettieren, falten und sortieren für private Unternehmen und öffentliche Träger abgewickelt. In der Werkstatt gibt es unter anderem ein Lasergerät, das individuelle Gravuren auf Holz und Glas ermöglicht. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Upcycling, also die Produktion von Dekorationsartikeln, Bänken, Blumenkisten oder Lederwaren. Alle Produkte sind somit handgefertigte Unikate. Zudem steht dem Abrakadabra ein Gemüsefeld zur Verfügung, auf dem gepflanzt und geerntet wird. Das gemeinsame Verkochen und Verzehren der Lebensmittel ist ein Ritual. Insgesamt 14 Arbeitsplätze können täglich für 5,5 Stunden vergeben werden. Die Mitarbeitenden (Klienten) erhalten dabei für ihre Tätigkeit 4 Euro die Stunde. Neben der Anerkennung machen die 200-300 Euro Zuverdienst für die Mitarbeitenden am Ende des Monats doch einen gravierenden Unterschied im Haushaltsbudget.

Über die Tagesstruktur durch die Arbeit hinaus ist das Abrakadabra auch ein Ort der Begegnung und des Austausches: „Viele von uns leben alleine. Hier können wir uns austauschen und unter anderen Menschen sein. Es ist eine Aufgabe, eine Tätigkeit, eine Arbeit, bei der wir Anerkennung und Wertschätzung bekommen,“ unterstreicht Tom, der die Einrichtung regelmäßig besucht. Durch die Arbeit in der Gastronomie griff er immer öfter zum Alkohol, später kamen Depressionen dazu: „Stress, stress, stress war während der Saison angesagt. Ich habe bis zu acht Wochen durchgearbeitet. Um Herunterzukommen griff ich zur Flasche. Hinzu kamen Depressionen. Mit zwei, drei Bier am Tag fing alles an.“ Mittlerweile trinkt Tom nur noch gelegentlich in kleinen Mengen und hat mit Unterstützung des Abrakadabra den Weg zurück in ein normales Leben gefunden: „Die Tagesstruktur ist bei Suchtproblemen sehr wichtig. Man hat in der Früh einen Grund aufzustehen, kommt in die Gänge und reißt sich zusammen“, unterstreicht er. Nach der Coronakrise ist ihm aufgefallen, dass einige seiner Kolleg/innen nicht mehr gekommen sind: „Man hat gemerkt, dass sie aus dem Rhythmus gefallen sind.“

Es ist jene Struktur und jener Rhythmus, den Menschen mit Suchterkrankungen brauchen und den wir ihnen mit dem Kauf eines der vielfältigen Produkte geben können. Besuchen Sie die Website des Abrakadabra und machen Sie sich ein Bild unserer vielfältigen Produktpalette.