Ganz Paris träumt(e) von der Liebe

17.11.15

Ganz Paris träumt(e) von der Liebe - Dieses Lied hat einen Schlag versetzt bekommen; die Traumstadt der Liebenden hat einen Albtraum erlebt. Die verträumten Bistros wurden wachgerissen und die Metropole in ein Stadion des Schreckens verwandelt.

Der Traum von einem toleranten und multikulturellen Miteinander scheint geplatzt. Der Angriff auf die Freiheit wird zur Legitimation für den bewaffneten Überwachungsstaat.

 

Ganz Paris träumt vom Frieden. Frieden beginnt mit der Vergebung und nicht mit der Vergeltung. Frieden beginnt mit dem Eingeständnis der Mitschuld. Gewalt und Terror sind mitunter auch das Echo auf die zerstörerischen Misstöne der Finanz- und Kolonialmächte, der Kriegs-, Petro- und Nahrungsmittelindustrie.

Erinnern Sie sich an die plakative Bewegung „Je suis Charlie“ nach dem Attentat auf die Redaktion des Satireblattes?

 

Nein, ich bin nicht Charlie, bin nicht Ahmed. Je suis Georges. Ich bin Georg. Wer bin ich; und wie viele? Wie viele Schicksale, Anfragen an meine Sympathie, an meine Solidarität mach ich mir zu eigen?

Was berührt mich noch, findet Zugang in meine durchaus hingabebereite Herzkammer? Und wie viel in mir ist bereits und angesichts des Zuviel an Gewalt und Elend am Erfrierungstod und an der Überforderung des Mitgefühls gestorben?

 

Wer bin ich wirklich?

Ich kenne den Engel und den Bengel, den Menschenliebhaber und den Zyniker, den Herzerwärmenden und den Kaltschnäuzigen, den Feigling und den Couragierten ... in mir.

Auch den, der sich manchmal bückt, um den Stein des Besserwissers, Rechthaberischen

und Verurteilenden auf zu heben.

Was lehren mich die Vorfälle in Paris? Wie verwandle ich die persönliche Ohnmacht in eine menschenverträgliche Machbarkeit? Ich bin nicht ohne Schuld. Mein Lebensstil, meine Konsumgüter sind befleckt mit dem Blut der Ausbeutung und der Zerstörung von Lebensräumen.

Meine Bequemlichkeit und fehlende Zivilcourage geht zu wenig oft auf die Straße, wenn die Plakate und Parolen der Ausgrenzung und Angstmacherei den Öffentlichen Raum beschmutzen. Deshalb bleibt mein Verurteilungsstein liegen. Beschämt suche ich nach neuen Wegen für mich, als Mitmensch.


Gedanken von Georg Schärmer