Begnadet für das Schöne

11.01.16

Caritasdirektor Georg Schärmer.

Angst hat Erzfeinde. Sie heißen Hoffnung, Zuversicht, mutige Begegnungen, beherzte Taten und Liebe.

 

Wenn jemand aus dem Leben scheidet, sagt man unter anderem, dass sie oder er "das Zeitliche segnet". Gilt das auch für das abgelaufene Jahr? Vorweg: Segnen bedeutet, etwas gutheißen. Wer dies am Ende seiner Tage tun kann, wird in Frieden und dankbar gehen können. Viele können es leider nicht.

Kann man das vergangene Jahr gutheißen? War es doch ein Krisenjahr mehr; Kriegsschauplätze rund um den Erdball, Naturkatastrophen, Fluchtbewegungen ungeahnten Ausmaßes und einmal mehr Verlust des Vertrauens in die Politik, selbst wenn diese das Schlimmste verhindert hat. Dankbarkeit ist "flüchtig".

Ein Jahr der Radikalisierung, Verleumdung und üblen Nachrede. Auch die Caritas blieb davon nicht verschont: Wenn ihr unter anderem unterstellt wird, Handys für Flüchtlinge zu finanzieren, was natürlich falsch ist!

Es war ein Jahr zunehmender Verrohung und Angst. Angst, dass unsere Wohlstandsburg überrannt werde, wir unseres Lebens nicht mehr sicher sind. Angst - real oder eingeredet - lässt sich nicht wegargumentieren, wegschreiben, wegwischen. Angst hat wiederum Erzfeinde. Sie heißen: Hoffnung, Zuversicht, mutige Begegnung, beherzte Tat und Liebe. Und all das erlebten wir in den letzten Monaten.

Die Zahl der freiwillig Engagierten wuchs wie nie zuvor. Sie griffen dem Staat und seinen Organen unter die Arme. Die Zivilgesellschaft zeigte ihre Kraft. Der Staat wiederum konnte regelmäßig Renten überweisen, das Sozial- und Gesundheitssystem vor großen Einbußen bewahren; manchmal sogar nachhaltige Impulse setzen.

Wer sucht, der findet. Allerorten entstehen Laboratorien guten und gemeinschaftlichen Lebens. Fantasiebegabte Menschen, die sorgsam mit Lebensräumen, Lebensmitteln und Gütern umgehen. Die an vielen Orten entstandenen "Reparatur-Cafes" sind nur ein Beispiel sorgsamen und verantwortungsbewussten Lebensstils. Mutige und leidenschaftliche Kinderpädagoginnen, Lehrerinnen und Lehrer, die den hirnrissigen Auswüchsen einer orientierungslosen Bildungspolitik (z.B. Pisa-Test für Kindergartenkinder) die Stirn bieten und tagtäglich Kinder zum Staunen und gemeinsamen Arbeiten führen.

Und nach wie vor sind wir ein ,Volk, begnadet für das Schöne*. Die liebevolle Pflege unserer landwirtschaftlichen Flächen und Gärten, unseres Blumenschmuckes, genauso wie die Pflege unserer Kunst und Kultur zeugen davon. Wie viele Chöre, Musik-Ensembles sorgen für Wohlklang und setzen einen Gegenpol zu den unkultivierten Egoisten einer Aufhetz- und Schlechtmach-Unkultur.

Insofern sage ich "Pfiat di 2015!". Das Gute, das du hervorgebracht, wollen wir behüten. Und ich sage "Griaß di 2016!" Aus der Erfahrung, dass die Menschen unseres Landes viel größere ZuMUTungen gemeistert haben und auch künftige bewältigen werden, bin ich zuversichtlich. Was sonst würde Sinn machen? 

In diesem Sinne: "A guats nuis Jahr!"

Georg Schärmer ist Direktor der Caritas der Diözese Innsbruck.