Bevor der Menschlichkeit die Luft ausgeht

13.09.17

Petra Jenewein (Leiterin Demenz-Servicezentrum), Caritas-Direktor Georg Schärmer und Elisabeth Draxl (Bereichsleiterin Betreuung und Begleitung) gingen in der Pressekonferenz auf politische Forderungen ein.

 

Angesichts des demographischen Wandels steht künftig eine wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen einer kleiner werdenden Personengruppe im erwerbsfähigen Alter gegenüber. Eine alternde Bevölkerung, kleinere Familien, weniger Mehrgenerationenhaushalte, mehr erwerbstätige Frauen auf der einen und zusätzlich mehr Pflegebedarf auf der anderen Seite - bei der heutigen Pressekonferenz gingen daher Caritas-Direktor Georg Schärmer, Elisabeth Draxl (Bereichsleiterin Betreuung und Begleitung) und Petra Jenewein (Leiterin des Demenz-Servicezentrums) auf bestehende und fehlende Angebote, politische Forderungen und die allgemeine Situation pflegender Angehöriger ein.

 

„Leistungsträger“ auf politische Agenda setzen

„Lebensberichte von pflegenden Angehörigen würden wohl unzählige Buchdeckel füllen. Ihre Geschichten großen Liebesromanen und erschütternden Krimis gleichen. Geschichten voll Liebe, Zuwendung, Hingabe, aber auch Geschichten der totalen Überforderung, Gewalt,  Dramen und Tragödien“, so Caritas-Direktor Georg Schärmer eingangs. Mindestens 50.000 Tirolerinnen und Tiroler aller Altersgruppen (auch Kinder) sind direkt betroffen. Für 24 Stunden Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr Präsenz und Hingabe werden die großen „Leistungsträger“ des Landes von der Politik zu sehr im Stich gelassen. Manchmal sogar bestraft, indem die zustehende Mindestsicherung gekürzt wird, weil Pflegegeld „im Raum ist“. „Wer das Thema Pflege und insbesondere die Pflege der Angehörigen nicht auf die Spitze der politischen Agenda setzt, ist unwählbar“, betont Schärmer in Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen.

 

Von der Politik fordern wir

1. Einen ressortübergreifenden Aktionsplan zur Begleitung und Entlastung von pflegenden und betreuenden Angehörigen

2. Flächendeckende und leistbare Entlastungsdienste – u.a. durch die Wiederaufnahme der Finanzierung der Familienhilfe

3. Ein dichtes Netz an Beratungs-, Bildungs- und Begleitangeboten

4. Soziale Absicherung und Armutsprävention von Angehörigen 

5. Recht auf Urlaub und Erholung und Ausbau von Kurzzeitpflegeplätzen

6. Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements und der Nachbarschaftshilfen

7. Qualitätssicherung, z.B. in der 24-Stunden-Betreuung

8. Entwicklung von Alternativmodellen zur 24-Stunden-Betreuung

9. Die Pflege der Angehörigen muss im Leistungskatalog der Sozialversicherungen ihren Niederschlag finden (Entlastung und Erholung „auf Krankenschein“)

10. Erschließung neuer Finanzierungsquellen für Pflege und Betreuung

 

Breites Angebot der Caritas

Die Caritas Tirol fordert nicht nur - ab Oktober 2017 bündeln wir in einer „Fachstelle für pflegende/betreuende Angehörige“ mehrere Angebote:

1. Familienberatung, Sozialberatung, Beratung für pflegende Angehörige 

Angehörige haben oft mangelnde Kenntnisse über mögliche Angebote zur Entlastung der eigenen Situation. Nur knapp über die Hälfte aller pflegenden Angehörigen nehmen formelle Betreuungsangebote an. Zum anderen benötigt es psychosoziale Unterstützung und Begleitung, da Angehörige oft unter Schuldgefühlen, Ängsten und Trauer leiden und verpasste Lebenspläne und den nahenden Abschied bedauern. 

2. Familien/Entlastungshilfe

Sehr oft fungiert die Familienhilfe als Feuerwehr, bietet rasche, unbürokratische Hilfe in der Begleitung von Kindern, hauswirtschaftlichen und pflegerischen Belangen und entlastet dadurch erschöpfte und überforderte Familien. Für die Zukunft ist auch eine „Hotline“ rund um dieses Thema für ganz Tirol geplant und die Ausbildung und Begleitung von freiwilligen Familienhelfern.

3. Auszeit/Erholungswochen für pflegende Angehörige

Die Caritas Tirol möchte Angehörigen Auszeit in Pflegesituationen ermöglichen - Erholung nach belastenden Phasen anbieten. Für 14 Tage werden Angehörige im Bildungshaus St. Michael durch Caritas Mitarbeiterinnen begleitet, können Natur, Erfahrungsaustausch und Angebote für Aktivitäten in Anspruch nehmen. Beginn der ersten Wochen ist im März 2018. Für dieses Projekt gibt es derzeit keine öffentliche Finanzierung.

Da lange Phasen der Pflege und Begleitung oft auch mit Phasen der Erschöpfung, Depression und sozialer Isolation gekennzeichnet sind, schenken wir Angehörigen besondere Aufmerksamkeit, denn: „Eine Betreuung läuft nur so gut, wie auch die Angehörigen betreut sind“, befindet Elisabeth Draxl (Bereichsleiterin Betreuung und Begleitung). 

 

Durch die Errichtung von Demenz-Servicezentren bietet die Caritas mit einer Demenzberatung, einem Angehörigencafé, Schulungsprogrammen, einer Bildungsreihe, freiwilligen Wegbegleiterinnen und Netzwerken für demenzfreundliche Lebensräume weitere Angebote speziell für Angehörige demenzkranker Menschen. „Menschen mit kognitiven Veränderungen wollen beteiligt sein und können es auch. Unsere Unterstützung brauchen Sie dennoch, aber in einem zurückhaltenden, verständnisvollen und leisen Ausmaß“, unterstreicht Petra Jenewein (Leiterin Demenz-Servicezentrum).   

 

Hinweise

Am Montag, 2. Oktober um 19 Uhr laden wir alle Parlamentsparteien zu einem Hearing ins Haus der Begegnung, um über Ihre politischen Programme in diesem Bereich zu sprechen. 

 

Im Herbst finden zahlreiche Veranstaltungen und Kurse rund um das Thema Demenz statt. Infos unter: https://www.caritas-tirol.at/aktuell/termine/