Sehnsucht nach dem guten Ton

16.11.20


„Ich gestehe. Wenn Wut und Leidenschaft mich erfassen, Dummheit und Präpotenz sich vor mir aufplustern, Populisten ihre menschenverachtenden Parolen posaunen, liegt es mir auf der Zunge, dieses unflätige „A….loch!“ Im stillen Kämmerchen bricht es schon mal entlastend und lautstark aus mir heraus. Es einem Mitmenschen direkt ins Gesicht und Gemüt zu schmettern, verhindert eine innere Barriere. Die verrohte Sprache, der verächtliche Tonfall, die üble Nachrede haben galoppierende Inflation – im dörflichen Tratsch, in den politischen Arenen nah und fern, am Pranger des Boulevards und im Schmutzkübel der (un)social-media-Plattformen. Der Dichter Rainer Maria Rilke umschreibt es so: „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Hier ist Beginn, Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott.“ Zerstörerische Machenschaften beginnen im Kopf, finden Ausdruck in Worten und münden meist in verheerende Taten. Verstärkt wird diese Spirale der Gewalt durch entsetzliche Bilder. Auf der Strecke bleiben unzählige Opfer und eine friedvolle, solidarische Gesellschaft. Vor allem wenn durch das Zuviel der Abscheulichkeiten ein Gewöhnungseffekt eintritt, Apathie statt Sympathie um sich greift. Dadurch wird einer humanen Gemeinschaft der Humus entzogen und uns nachhaltig der Boden unter den Füßen weggezogen. Sind wir doch alle früher oder später auf Mitgefühl und Mitleid, auf soziale Sicherheit und ein verbindliches Gemeinwohl angewiesen. Ein lieber Freund, leider viel zu früh verstorben, war ein leidenschaftlicher und sprachgewandter Politiker. Wenngleich in Opposition pflegte er nimmermüde das Gespräch mit allen, suchte nach verbindenden Schnittmengen und einer Basis, auf der man sich würdevoll begegnen konnte. Die berührenden Zeichen der Wertschätzung und Anteilnahme bei seiner Beerdigung zeugten davon. Darüber hinaus war er ein begeisterter Chorsänger. Bei meiner Grabrede sprach ich über seine Sehnsucht nach dem guten Ton, nach Harmonie. Sein Vermächtnis ist eine Einladung zu einem neuen Umgangston. Im morgigen Evangelium ist von Talenten die Rede. Das Talent zum Lieben haben wir alle. In Gedanken, Worten und beherzten Werken." - Caritasdirektor Georg Schärmer in der TT am 14.11.2020.