Wenn die Fernbedienung im Kühlschrank liegt

15.03.16

Erfahrungen austauschen, Kraft tanken und Fragen stellen – das steht im Zentrum des Angehörigencafé Demenz des Caritas Demenz-Servicezentrums.

 

„Das muss ich mir merken“, zuckt es mir durch den Kopf. Für meine eigenen Eltern, aber auch für den Fall, dass ich oder mein Partner an Demenz erkranken. Es sind nicht nur praktische Fragen – Welche Erfahrungen mit mobiler Betreuung gibt es? Was ist eine Vorsorgevollmacht? Wirken Demenzpflaster? - die beim Angehörigencafé Demenz besprochen werden. Die acht Frauen und der eine Mann, die heute gekommen sind, hören einander zu, äußerst aufmerksam und interessiert: Wie geht es meinem Gegenüber? Wie geht sie oder er mit dieser Situation um? 

 

Heute ist zum ersten Mal eine Frau hier, deren 77 Jahre alter Vater zunehmend dement wird. Nachdem sie ihre Mutter jahrelang gepflegt hat, kümmert sie sich jetzt um ihn: Kocht das Mittagessen vor, damit er es sich wärmen kann und hat gelernt, dass sein Essgeschirr sich manchmal auch in der Brotdose wiederfindet, wenn sie es nach der Arbeit abwaschen will. Mit seiner 86 Jahre alten Nachbarin geht er gerne eine Runde spazieren. Die Nachbarn wissen, dass er krank ist und er kann bei ihnen warten, wenn er wieder einmal den Schlüssel verlegt. Die Tochter muss ihn daran erinnern, dass er sich jetzt waschen soll und ihm die frische Kleidung bereitlegen. Dann kann er das noch allein. 

 

Die anderen Gäste des Angehörigencafé Demenz haben mit großer Anteilnahme zugehört, immer wieder nickt jemand verständnisvoll und bestärken sie: Es sei ideal, dass der Vater ihr so vertraue. „Er verlässt sich ganz auf dich! So ist es viel einfacher“, meint eine Dame, die ihre demente Mutter betreut. „Für meine Mutter ist es schwierig zu akzeptieren, wenn ich sie nicht in ihrer Meinung unterstütze. Das geht so weit, dass wir zum Beispiel fünfzehn Minuten vor einem Arzttermin im Warteraum sitzen und sie sich lautstark beschwert, dass der Patient vor ihr ewig brauche und der Arzt wahrscheinlich privat tratsche. Am Anfang ihrer Erkrankung habe ich widersprochen, mich geschämt und sie darauf hingewiesen, dass wir ja noch gar nicht an der Reihe sind. Aber ich habe gelernt: Ein demenzkranker Mensch hat immer Recht. So kommen wir beide besser durch den Tag.“ 

 

„Wenn ich ihn frage, ob er die Fernbedienung in den Kühlschrank gelegt hat, dann sagt er sicher Nein“, erzählt eine 83-jährige Dame über ihren demenzkranken Ehemann. Alle lachen. Diese Situation kennen sie. Ihre Stimme ist brüchig, als sie fortfährt. „Ich bin dankbar für viele wunderbare, gemeinsame Jahre. Aber ich bin selbst nicht mehr die Jüngste, ich fühle mich immer öfter extrem angestrengt und überfordert. Umso wichtiger ist mir diese Runde hier. Sie gibt mir Trost.“ Und eine weitere Dame ergänzt: „Das Schlimmste für mich ist, man sieht die Katastrophe kommen, man will sie verhindern, aber man kann nicht alles aufhalten. So lerne ich ruhiger und gelassener damit umzugehen und es stärkt mich zu sehen, wie ihr mit euren kranken Angehörigen tut“. 

 

Kostenloses Angebot des Caritas Demenz-Servicezentrum
Das Angehörigencafé Demenz, die Demenzberatung und die „Wegbegleiter/innen“ für betreuende Angehörige und können wir dank unserer Spender/innen kostenlos anbieten. „Wegbegleiter/innen“ sind speziell ausgebildete Ehrenamtliche, die Angehörige vertraulich begleiten, unterstützen und so entlasten. In der Demenzberatung werden Betroffene vertraulich über den Krankheitsverlauf informiert. Empfehlungen zum Umgang mit dem Demenzkranken stärken Angehörige. Eine Gerontopsychologin und eine Diplom-Sozialbetreuerin unterstützen dabei, passende Entlastungsangebote wie Mobile Dienste zu finden und beraten rund um die Themen Pflegegeld, Förderungen und Sachwalterschaft.