Die große „Schwester“ für kleine und große Probleme - TT Artikel

28.04.16

Innsbruck – Seine „Schwester“ nennt er sie. Und beide müssen plötzlich lachen. Gudrun Neurauter, von der die Rede ist, kennt der 22-jährige Anwar aus Somalia erst seit Dezember. Die Tirolerin hat dem jungen Mann mit mittlerweile anerkanntem Asylstatus seither beim Weg in ein Leben in Tirol geholfen. Buddy-Projekt nennt sich die Initiative der Caritas – bei der aus dem Buddy, also dem Kumpel, durchaus ein enger Vertrauter werden kann.

 

Somalia. Jemen. Syrien. Türkei. Talham. Götzens. Scharnitz. Imst. Für sein junges Leben hat Anwar schon sehr viele Stationen hinter sich bringen müssen. Seine Fluchtgeschichte erzählt er auf Deutsch, Gudrun Neurauter ist da bestimmt. „Ohne Deutsch geht es nicht“, sagt sie. Und so erzählt Anwar von Todesdrohungen und Lagerinternierung, weil er keine Papiere hatte. Er erzählt, wie er auch aus der Türkei flüchten musste und 2013 nach Österreich kam. Seine Stimme wird dabei noch leiser und er wirkt unsicher. Beginnt erst wieder zu lächeln, als er darüber spricht, wie viele Menschen ihm hier in Österreich geholfen hätten.

 

Er sei am Anfang sehr schüchtern, zurückgezogen gewesen, erklärt Gudrun Neurauter. Sie hatte im Vorjahr Wanderungen mit Flüchtlingen organisiert und wollte „mehr tun“. Seit dem 18. Dezember hilft sie im Zuge des Buddy-Projekts Flüchtlingen. „Einmal treffen wir uns öfter, speziell wenn etwas ansteht. Dann hören wir uns auch nur eine Zeit lang am Telefon“, umreißt sie den Umfang ihrer ehrenamtlichen Hilfe. Die Wohnungssuche für Anwar war die große Herausforderung. „Das ist ja so schon sehr schwer und wir waren auch mit Ablehnung konfrontiert, als ich erklärte, dass ich die Wohnung nicht für mich brauchte“, sagt die Tirolerin. Doch seit 1. Februar hat Anwar ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit zwei weiteren Studenten gefunden. Ein großer Erfolg für alle. Anwar, der derzeit noch diverse Deutschkurse absolviert, hat „ein gutes Leben und eine gute Arbeit“ im Visier.

 

Rund 40 Tiroler sind in solchen Projekten bereits aktiv, wie Margot Fischer von der Caritas (sie ist auch Ansprechpartnerin für alle Interessierten) erklärt. Menschen jeden Alters würden sich derzeit schon engagieren und Fischer hofft, dass „noch viele weitere folgen“. Diese Arbeit sei ein „Gegenpol zur sonstigen Angstmache“, sagt Fischer. Gudrun Neurauter hat in ihrem Umfeld verschiedenste Rückmeldungen bekommen. Von Bewunderung bis zur Ablehnung sei alles dabei gewesen. Ob es sich rentiert, sich einzusetzen? „Natürlich. Es ist schön, wie Anwar aufgeblüht ist, und dass er Ziele hat. Wie viel Hoffnung er in mich gesetzt hat, war eine Belastung, aber auch eine schöne und sehr wichtige Erfahrung für mich.“

 

Artikel aus der Tiroler Tageszeitung von Marco Witting